Konservierungs- und Forschungsprojekt Konservierung eines rätselhaften Gewandes
Stammt der glänzend rote Seidenrock wirklich vom berühmtesten spätmittelalterlichen Fürstenhof, dem der Burgunderherzöge? Wahrscheinlich nicht. Die aufwendige Konservierung in der Abegg-Stiftung zeigt, wie jede Naht, jeder Faden und jedes alte Foto helfen, eine komplizierte Anfertigungs- und Nutzungsgeschichte zu verstehen.
Brüchige Seide
Der rote Männerrock galt über Jahrhunderte als Gewand des Herzogs Karls des Kühnen, das dieser 1476 bei der Schlacht in Murten verloren haben soll. Deshalb soll das Gewand 2026 in der Ausstellung «Murten, ausgeschlachtet. Ein Sieg wird in Szene gesetzt» gezeigt werden. Das feine Seidengewebe war aber durch die Verwendung, durch Lichteinwirkung, Bewegung und später durch Zugkräfte bei der musealen Präsentation auf Figurinen so brüchig geworden, dass es zuerst einer Konservierung bedurfte. Eine solche Untersuchung, Konservierung und Neumontage ist zeitaufwendig und bedarf der Expertise in Kostümkonservierung. Dankenswerterweise stellte die auf die Textilkonservierung spezialisierte Abegg-Stiftung in Riggisberg 2025 kurzfristig die notwendigen Ressourcen für das Konservierungs- und Forschungsprojekt zur Verfügung.
Ein Gewandschnitt mit Rätseln
Das Gewand besteht aus einem glatten Oberteil und einem weiten, faltenreichen Rock sowie an den Schultern gepufften Ärmeln. Schaut man sich die Fotos der verschiedenen Präsentationen im Museum an, fällt auf, dass nicht einmal gesichert war, welches die Vorder- und welches die Rückseite des Gewandes ist. Ist die Seite mit Öffnung vorne, wie es die Präsentation von 1969 bis 2001 im Museum vermuten lässt? Und handelt es sich beim Schnitt tatsächlich um ein Gewand aus dem 3. Viertel des 15. Jahrhunderts? An dieser Deutung gab es seit längerem Zweifel, denn der Gewandschnitt passt schlecht ins 15. Jahrhundert.
Was aufgetrennte Nähte enthüllten
1959/60 war das Gewand komplett zerlegt, gewaschen und neu montiert worden, wie es damaligen Konservierungsstandards entsprochen hatte. Die Nähte von damals konnten daher jetzt wieder geöffnet werden, um die komplexe Entstehungs- und Nutzungsgeschichte des Gewandes besser zu verstehen. Jetzt steht fest: Die glatte Seite ist sicher die Vorderseite. Wahrscheinlich war der Rock erst im späten 16. oder gar 17. Jahrhundert aus einem kostbaren spätmittelalterlichen Seidenstoff geschneidert worden. Wozu das Kostüm gedient hatte, wer es wann hergestellt und wie oft es im Schnitt verändert worden war, ist noch zu untersuchen. Zunächst galt es, die aufwendigen aktuellen Konservierungsarbeiten fertigzustellen und eine neue Figurine zu entwickeln, auf der der Männerrock schonungsvoll aufbewahrt und ausgestellt werden kann.
Wir danken
Wir danken der Abegg-Stiftung in Riggisberg herzlich für die Untersuchung, Konservierung und Neumontage des Männerrocks.