Fürsorgerische Zwangsmassnahmen in Bern und der Schweiz Vom Glück vergessen
20.02.2025 bis 01.03.2026
Bis in die 1970er Jahre wurden in der Schweiz zehntausende Menschen fürsorgerischen Zwangsmassnahmen unterzogen: fremdplatziert, verdingt, entmündigt, in Anstalten versorgt. Die von der Historikerin Tanja Rietmann kuratierte Ausstellung stellte fünf betroffene Menschen ins Zentrum.
Die Szenografin Karin Bucher schuf für die Ausstellung begehbare Raumbilder aus monochromem Karton. Die an frühere Zeiten erinnernden Räume luden die Besuchenden ein, in die biografischen Geschichten von Menschen einzutauchen, deren Leben durch fürsorgerische Zwangsmassnahmen geprägt worden war. Ihre Schicksale wurden in Form von Hörspielen und Archivdokumenten erzählt. Und es wurde gefragt: Wie betrifft uns das Geschehene heute?
Zahlreiche Betroffene leiden noch heute an den gesundheitlichen, finanziellen und sozialen Folgen des Erlebten. Ihr Schicksal wurde lange nicht wahrgenommen, ihre Stimme nicht gehört. Diese Tatsache trifft mich jedes Mal neu, wenn mir Menschen ihre Geschichte erzählen.
Dies schrieb Christine Häsler im Vorwort der Begleitbroschüre zur Ausstellung. Es sei wichtig, dass sich der Staat der Vergangenheit stelle und das Unrecht anerkenne, dass aber auch die Gesellschaft gefordert sei, sich mit dem angerichteten Leid zu beschäftigen. Die Broschüre begleitete die Ausstellung mit Bildlegenden und Links zu den Ausstellungstexten, Hörstücken und Interviews.
Namen gegen das Vergessen
Teil der Ausstellung war eine Installation, die an die betroffenen Menschen und deren erlittenes Unrecht erinnerte. 10 826 weisse Punkte standen für die Anzahl Menschen, die bis im Sommer 2024 vom Bund einen Solidaritätsbeitrag als Zeichen der Anerkennung des erlittenen Unrechts sowie Ausdruck gesellschaftlicher Solidarität erhalten hatten. 291 Punkte wurden im Lauf von zwei partizipativen Aktionstagen von Hand mit den Namen von Betroffenen beschriftet – durch diese Personen selbst, durch Angehörige oder durch das Museumsteam. Auch nach der Eröffnung kamen laufend weitere Namen hinzu, oft nachdem Betroffene oder deren Angehörige die Ausstellung besucht hatten und auf der Installation ihren Namen festhalten wollten.
Von Anfang an hatte die Frage mitgeschwungen, ob die wichtige und eindrückliche Installation über das Ende der Ausstellung hinaus bestehen bleiben sollte. Es brauchte denn nicht viel für den Entscheid, die Namen gegen das Vergessen bis zum Beginn der Gesamterneuerung und Schliessung des Gebäudes stehen zu lassen.
Gesprächsangebot durch Freiwillige des Museums
An Samstag- und Sonntagnachmittagen boten geschulte Personen aus dem Freiwilligenteam ein offenes Ohr an. Viele Besuchende nahmen die Gelegenheit wahr, um das aufwühlende Ausstellungsthema im persönlichen Gespräch zu verarbeiten oder zu diskutieren.
Vermittlung
Das grosse Interesse am Thema dokumentierten neben den erfolgreichen Eintrittszahlen auch die zahlreichen Führungsbuchungen, insbesondere von Schulklassen.
Wegen der grossen Nachfrage wurden für Lehrpersonen zwei Einführungsveranstaltungen durchgeführt. Die didaktischen Unterlagen beinhalteten neben den wichtigsten Informationen zur Ausstellung auch Inputs zur Einbettung des Themas in den Unterricht. Vor Ort konnten ein interaktiver Rundgang für Schulklassen Zyklus 3 und Sek II, ein begleiteter Rundgang für Schulklassen Sek II und Hochschulen gebucht werden, zusätzlich wurden 5 Schulmontage angeboten.
Neben den öffentlichen Führungen wurden auch die begleiteten Rundgänge für Erwachsene und Hochschulgruppen rege genutzt.
Ebenfalls ausgebucht waren die vier Veranstaltungen der Reihe «Ein Abend im Museum – Gegen das Vergessen».
Ein mehrschichtiges Ausstellungsprojekt
Die Ausstellung im Bernischen Historischen Museum baute auf der Ausstellung «Vom Glück vergessen. Fürsorgerische Zwangsmassnahmen in Graubünden» auf. Diese war zuerst im Rätischen Museum in Chur (22.8.2020–29.8.2021) gezeigt worden und hatte anschliessend im Heimatmuseum in Davos, im Brauchtumsmuseum Urnäsch, in der Pädagogischen Hochschule St. Gallen und im Haus zum Dolder in Beromünster gastiert.
Für die Ausstellung in Bern wurden die Inhalte aktualisiert und auf den Kontext des Kantons Bern angepasst. So ergänzte zum Beispiel das im Mai 2023 lancierte Zeichen der Erinnerung ZEDER die Ausstellung. Eine zusätzliche, optisch und emotional bewegende Erweiterung bildete die Installation «Namen gegen das Vergessen».
Realisation
Gesamtleitung: Thomas Pauli-Gabi
Projektsteuerung: Aline Minder
Projektleitung: Laura Company
Kuration: Tanja Rietmann, Bern
Ausstellungskonzeption und Gestaltung: Karin Bucher, Trogen
Ausstellungsgrafik, Werbegrafik und Grafik Broschüre: volta studio, Bern
Regie Hörstücke: Christina Caprez, Zollikon (Regie, Skript, Interview)
Vermittlungskonzept: Rahel Schaad, Selina Stokar
Ausstellungsassistenz: Yann Jallay
Umsetzung: Technische Dienste BHM, Andreas Gasser und Team; Matí Lichtgestaltung AG, Adliswil
Marketing & Kommunikation: Merja Rinderli, Nicole Wandfluh
Wir danken
Wir bedanken uns herzlich beim Bundesamt für Justiz für die grosszügige Unterstützung des Ausstellungsprojekts.